Mittwoch, 12 Dezember 2012 17:50

Das Südsee-Virus: fest in der Wirklichkeit verankert

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Nun ist es ausgebrochen, das „Südsee-Virus“. Ich freue mich sehr darüber, zumal der Roman immer aktueller wird. Ich hatte damals lange überlegt, wie ich ihn beginnen sollte, aber dann fiel mir ein Strategiepapier der NATO in die Hand, das einer englischen Zeitung zugespielt worden war, in der Öffentlichkeit aber nie diskutiert wurde. Es ging darum, wie die NATO in Zukunft mit Armut-und Umweltflüchtlingen umgehen soll, die der Klimawandel voraussichtlich in großer Zahl produzieren wird.

Aus diesem Material habe ich das erste Kapitel gestrickt. Eine Gruppe von Ökoterroristen entert die Yacht eines Ex-Generals, der an diesem Papier mitgearbeitet hat und bittet ihn, vor laufender Kamera dazu Stellung zu nehmen. Hier ein Ausschnitt aus dem Kapitel. Alles, was Sie hier lesen, ist innerhalb der NATO so diskutiert und vermutlich auch beschlossen worden.

Der Mann mit der Maske schupste seine prominente Geisel zurück in die Kajüte. Sie drückten Morgan in den Sessel, zwangen ihn, die aktuelle Ausgabe des BOSTON GLOBE in die Kamera zu halten und banden ihm anschließend ein handgeschriebenes Plakat um den Hals, auf dem folgendes geschrieben stand: GENERAL FRANCIS MORGAN IM INTERVIEW MIT EARTH FIRST!

„Ist es richtig, General“, begann der Anführer der EARTH FIRST!-Aktivisten, „dass Sie Mitglied eines von der NATO gebildeten transatlantischen Think Tanks waren, dessen Aufgabe es war, neue Militärstrategien zu entwickeln, damit die Regierungen der Industriestaaten im Zeichen des Klimawandels ordnungspolitisch gerüstet sind?“

„Das ist richtig“, antwortete Morgan leise.

„Wer außer Ihnen gehörte dieser illustren Gesellschaft noch an?“

Morgan wischte nervös mit den flachen Händen über die Lehne: „Es handelte sich um die fünf ehemaligen Generäle und Generalstabschefs Jacques Lacroix aus Frankreich, Henk van den Breunen aus den Niederlanden, Klaus Neukirchen aus Deutschland, Lord Peter Inglewood aus Großbritannien und John Shakashvili aus den USA.“ Er sagte das in einem Ton, als würde er sein eigenes Todesurteil verlesen.

„Erzählen Sie uns über die Motive dieser Veranstaltung?“

„Vor dem Hintergrund der klimatischen Umwälzungen und Ressourcenkonflikte waren die USA und andere westliche Staaten daran interessiert, sich eine unangreifbare Position zu sichern, nach innen wie nach außen.“

„Können Sie uns das bitte näher erläutern?“

„Natürlich. Eine der Hauptgefahren, der sich die Regierungen der Industriestaaten heute gegenüber sehen, sind die enormen Bevölkerungswanderungen, die durch den globalen Klimawandel ausgelöst werden. Auch im Inneren eines Landes. Wasserknappheit, Dürre, Naturkatastrophen – das alles führt zu chaotischen, ja anarchistischen Zuständen, denen nur mit militärischen Mitteln begegnet werden kann, wenn man einen Rest an Ordnung und sozialer Sicherheit aufrecht erhalten will. Das dürfte selbst Ihnen einleuchten …“

Der General schien seine anfängliche Überraschung über den Überfall abgeschüttelt zu haben. Er war nicht gefesselt worden, niemand zielte mit der Waffe auf ihn – so schlimm konnte es also nicht sein. Also schien es ihm ratsam, in die Offensive zu gehen. Schließlich verteidigte er ein Strategiepapier, das längst Bestandteil offizieller Politik geworden war, auch wenn die Öffentlichkeit davon nicht die geringste Ahnung hatte.

„Im Zeichen des Klimawandels bleibt uns unter sicherheitspolitischen Erwägungen gar nichts anderes übrig, als genau so zu handeln,“ fuhr er süffisant fort. „Es geht um die Frage, wie angesichts von Überschwemmungen, Dauerdürren und dem massiven Verlust an Grund- und Trinkwasser die staatliche Ordnung aufrechterhalten werden kann. Um diese Aufgabe erfüllen zu können, wurden und werden seitens der NATO weit reichende politische, rechtliche und selbstverständlich auch militärische Strukturen geschaffen, die sowohl gegen die eigene Bevölkerung als auch gegen andere Staaten in Stellung gebracht werden.“

Das Mädchen verpasste dem General eine so kräftige Ohrfeige, dass seine Kapitänsmütze bis vor die Kommode segelte. Morgan wischte sich das Blut von der Nase.

„Das schneiden Sie sicher raus …“, bemerkte er zynisch. „Herrgottnochmal,“ entfuhr es ihm, „seien Sie doch nicht so verdammt blauäugig! Es ist davon auszugehen, dass der Meeresspiegel noch in diesem Jahrhundert um mehrere Dezimeter steigt. Dann sind außer den flachen Küstenregionen 21 Mega-Städte von Überschwemmungen betroffen. Es wird also zu enormen Versorgungsengpässen kommen. Auch in den USA und Europa. Die Frage lautet somit: Wer besitzt die Verfügungsgewalt über die knappen Ressourcen, wer entscheidet über Versorgung oder Nicht-Versorgung der Menschen?“

Er blickte seine Bewacher höhnisch an. „Die Weltgetreidevorräte sind in diesem Jahr auf den niedrigsten Stand geschrumpft, der je gemessen wurde,“ fügte er triumphierend hinzu. „Vergessen Sie die Tortilla-Unruhen in Mexico, die Pasta-Demonstrationen in Italien und den Aufruhr in Pakistan, Mauretanien und Senegal im vergangenen Jahr – das war erst das Vorgeplänkel zu sehr viel vehementeren Hungeraufständen. Wie wollen wir das in den Griff kriegen, wenn  nicht durch militärische Gewalt? Armee, Polizei, private Sicherheitsdienste – das sind die Garanten des sozialen Friedens, falls man überhaupt noch davon sprechen kann.“

„Ist es wahr“, fragte Laureen mit zitternder Stimme, „dass der Think Tank, dem Sie angehörten, den Regierungen empfohlen hat, Klima- und Umweltschützer in Zukunft als Terroristen, als sogenannte ungesetzliche Kämpfer zu behandeln?“

Morgan wandte unwirsch den Kopf.

„Stimmt es, dass die Earth Liberation Front, die Wilderness Society, die Animal Liberation Front, Earth First!, Greenpeace, Amnesty International und zahlreiche andere Menschenrechts- und Umweltschutzorganisationen vom FBI als Terrorgruppen behandelt werden?“

Morgan verharrte in seinem Schweigen.

„Sie müssen nicht antworten“, sagte der Mann mit der Maske. „Uns liegt eine Kopie des Strategiepapiers vor. Und wenn ich den Text richtig interpretiere, hat das Kriegsrecht längst Einzug gehalten in unseren gesellschaftlichen Alltag. Erzählen Sie uns von den zwölf Milliarden Dollar, die der Militärausrüster Kellogg, Brown & Root aus Washington bezogen hat.“

Der General senkte den Kopf, zu einer Erklärung war er nicht zu bewegen.

„Gut, dann werden wir es Ihnen sagen. Mit dem Geld wurden im Auftrag der Einwanderungs- und Zollbehörde gigantische Internierungslager gebaut. Sie befinden sich weit abgelegen in Nevada, Oregon, Oklahoma und Utah. In diesen sogenannten Detention Camps landen jene Menschen, die von Naturkatastrophen heimgesucht oder von den Militärs bei der Verteidigung des Firmen- und Privateigentums als Störfaktor angesehen werden. Wer in die Detention Camps verbracht wird, darf dort ohne Anklage auf unbestimmte Zeit festgehalten werden. Ist das so?“

Morgan nickte müde.

„Halten wir also fest“, sagte der Vermummte, „während der einfache Bürger jederzeit ohne Rechtsbeistand beliebig lange interniert werden kann, werden die Reichen dieses Landes mit Waffengewalt geschützt. Ihre Enklaven sind aller Versorgungsnöte enthoben, betreten darf sie nur, wer die erforderliche Zugangsberechtigung besitzt. Interpretiere ich das richtig, General?!“

„Ja.“

„So hat der Klimawandel also dafür gesorgt, dass sich die Mächtigen des Landes auf die letzten natürlichen Schutzgebiete zurückziehen können, ohne dass der von ihnen gelenkte Staatsapparat die Kontrolle über die übrigen Landesregionen aus der Hand geben muss. Bravo, Herr General, das ist doch mal eine Sicherheitspolitik nach dem Geschmack der Allgemeinheit…“

Morgan nahm die Kapitänsmütze ab, er merkte wohl selbst, was für eine lächerliche Figur er abgab.

„Eine letzte Frage noch“, sagte der Maskierte: „Aus der Kopie, die uns vorliegt, geht hervor, dass Sie und ihre Kollegen vehement dafür plädiert haben, einen Kernwaffen-Präventivschlag auch gegen Nicht-Nuklearstaaten durchzuführen, wenn nach Einschätzung der Militärs die eigene Sicherheit gefährdet ist. Wie ist Ihre Empfehlung von den Auftraggebern aufgenommen worden, General?“

„Wohlwollend“, murmelte Morgan.

Laureen war drauf und dran, dem General an die Gurgel zu gehen, wurde aber von einem ihrer Mitstreiter daran gehindert. Die Männer bauten die Kamera ab und kletterten in das Zodiac, das am Heck der Yacht vertäut war. Der General wartete noch einige Sekunden, dann stemmte er sich aus dem Sessel, schlurfte auf den Sekretär zu, öffnete die oberste Schublade und wühlte fahrig zwischen den Wäschestücken herum.

„Suchen Sie die hier?“

Der alte Mann drehte sich um und blickte in das Gesicht dieser jungen Frau mit dem weißen Pullover und seiner Pistole in der Hand.

Aus „Das Südsee-Virus“, neu als Piper Taschenbuch. Zu bestellen beim » Equilibrismus e. V.

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